Lektüren für heterogene Lerngruppen

Heterogene LerngruppenBei der Einschulung bringen Kinder verschiedene Voraussetzungen für das Lesenlernen mit. Manche haben durch ein leseaffines Elternhaus vielleicht schon Bekanntschaft mit der Welt der Buchstaben geschlossen und können erste Wörter entziffern, andere müssen sich den Zugang zu dieser Welt ganz neu erschließen. Abgesehen von den Ausgangsbedingungen unterscheiden sich auch die Lernfähigkeiten der Schüler: Während einige Kinder bereits nach kurzer Zeit zusammenhängende Texte lesen und verstehen können, bereitet anderen allein das Erlernen des Alphabets Mühe. 

Nicht nur die Schüler stehen vor großen Herausforderungen, sondern auch Sie – spätestens, wenn es um die Entscheidung für eine erste gemeinsame Ganzschrift geht: Wie wählen Sie eine Klassenlektüre für eine heterogene Lerngruppe aus? Eine Geschichte, die weder über- noch unterfordert und an der alle Kinder Freude haben?

In dieser Situation bieten sich Schullektüren an, die in sich differenziert und auf die unterschiedlichen Fertigkeiten von Leseanfängern abgestimmt sind, zum Beispiel die Lektüren des Hase und Igel Verlags für altersgemischte Klassen (1./2. Klasse). Der Aufbau berücksichtigt heterogene Lerngruppen und deren Bedürfnisse: Die Ganzschriften enthalten abwechselnd Seiten mit längeren Passagen in einer normal großen Fibelschrift und Seiten mit deutlich weniger Text. Dieser ist darüber hinaus in besonders großer Schrift gesetzt und eindeutig gekennzeichnet, zum Beispiel durch Gedankenblasen oder andere visuelle Elemente. 

Beispielseiten aus der Klassenlektüre Hugo auf großer Jagd:

Heterogene Lerngruppen Textbeispiel     Heterogene Lerngruppen Textbeispiel     Heterogene Lerngruppen Textbeispiel  

Während leistungsstärkere Schüler oder Zweitklässler die Geschichte komplett lesen, beschränken sich leseschwächere Kinder oder Erstklässler auf die lesefreundlichen Passagen. Der Clou dabei ist: Auch dieser kürzere Teil bildet in Verbindung mit der Illustration eine vollständige und in sich stimmige Geschichte. So hat niemand das Gefühl, etwas zu verpassen oder hinter den Mitschülern zurückzubleiben, und jedes Kind kann den Stolz über die erste selbst gelesene Ganzschrift erfahren.

Auch die Begleitmaterialien zu den Lektüren für altersgemischte Klassen sind auf heterogene Lerngruppen abgestimmt: Manche Aufgaben bearbeiten alle Kinder gemeinsam, andere werden speziell für diejenigen zur Verfügung gestellt, die sich mit dem kürzeren Teil der Geschichte auseinandergesetzt haben.

Die Lektüren bieten nicht nur formal, sondern auch inhaltlich einen besonderen Reiz für heterogene Lerngruppen: In einigen Büchern geben die unterschiedlich gesetzten Textpassagen nämlich zugleich zwei verschiedene Figurenperspektiven wieder. 

Bei Paula und Struppi sind das die Sicht eines kleinen Mädchens und die Gedanken ihres Hundes. Durch die andersartige Weise, wie die beiden die Welt erleben, entstehen viele witzige Momente: Denn wann immer Struppi von Paula und ihren Freunden nicht verstanden wird, können die Leser seinen Gedanken folgen. 

Einem ähnlichen Muster, das jedoch jeweils individuell umgesetzt wird, folgen zwei weitere Geschichten: Während in Henri und Pong-Pong ein kleiner Junge schrittweise das Vertrauen eines verirrten Spatzen gewinnt, ihn einfängt und am Ende in die Freiheit entlässt, versucht der Protagonist von Hugo auf großer Jagd eine nervige Mücke und seine eigene Wut unter Kontrolle zu bringen. Die Perspektive des Spatzen beziehungsweise der Mücke, die sich stark von dem Erleben des jeweiligen Kindes in der Geschichte unterscheidet, sorgt nicht nur für Humor, sondern eröffnet auch neue Perspektiven auf unsere Alltagswelt und steigert so die Fantasie und Empathiefähigkeit der jungen Leser. 

Die beiden Schullektüren Ritter Robert und seine Abenteuer und Anna traut sich was sind inhaltlich etwas anders aufgebaut: An die Stelle einer zweiten (tierischen) Figurenperspektive treten hier die Tagebuchnotizen beziehungsweise die Gedanken der Hauptfigur. Ritter Robert trägt seine Erlebnisse – in maßlos übertriebener Form – in ein kleines Heft ein und wird für seine geflunkerten Heldentaten am Ende mit der Heirat der Prinzessin belohnt. Eine wahre Heldin dagegen ist die kleine Anna, die von ihrem älteren Bruder und seinem Freund ausgeschlossen wird, dann aber als Retterin der beiden einen großen Auftritt hat. Die kürzere Geschichte ergibt sich hier allein aus den Gedanken der mutigen Protagonistin. 

In allen Klassenlektüren des Hase und Igel Verlags für heterogene Lerngruppen spiegelt sich die formale Differenzierung auch auf inhaltlicher Ebene wider – sei es durch die unterschiedliche Perspektive von Mensch und Tier oder die Abweichung zwischen dem Erlebten und den Aufzeichnungen oder Gedanken einer Figur. So wird den Schülern die Botschaft vermittelt: Verschiedene Sichtweisen und Fähigkeiten sind völlig normal und können sogar eine Bereicherung darstellen – in Büchern wie im richtigen Leben.